Startseite

2009

   

Struktur und Überwachung

Durch den Mauerfall gab es im Bereich der Volkskunst der ehemaligen DDR,
auch Laien- oder Amateurbewegung genannt, einen abrupten Wechsel. Die
Nischenfunktion wurde nicht mehr benötigt, die meisten Amateurpuppenspielgruppen
lösten sich auf.
In Berlin ist mir nur noch das APT, Amateurpuppentheater der Humboldt-Uni,
bekannt. Andere dieser Gruppen entwickelten sich zu professionellen
Puppentheatern.
Mit der Wende wendete sich auch das Bedürfnis nach bestimmten
Freizeitbetätigungen. Heute ist jeder stärker mit der Arbeitswelt (auch der
eventuell nicht vorhandenen Arbeitswelt) beschäftigt. Die Angebotsvielfalt ist
enorm gestiegen, die Menschen können endlich überall hin reisen und sind
viel mobiler.
In der Wendezeit 89/90 trafen wir Berliner Amateurpuppentheater uns, fünf
oder sechs Gruppen waren wir, und gründeten unseren ersten Verein.
Andreas Ulbricht mit seinem Co-Spieler, das APT und die Gruppe Grashüpfer
mit meiner Wenigkeit waren dabei. Unser angestrebtes Ziel war, das
Freizeitleben mit Workshops und Weiterbildungen, Arbeit mit fachlich
hervorragenden Profis über die „Wende“ hinaus zu retten. Dies bedeutete uns
damals sehr viel, das gab es im „Westen“ nicht, nicht so, und wurde von uns
als gefährdet empfunden. Wir hatten sogar Geld akquiriert, eine Spende von
einer Bank und einen nicht unerheblichen Betrag aus einem Fond, der
deutsch-deutsch Treffen förderte. Aber nach einigen Treffen, Workshops und
Werkstätten (ich bin nicht ganz sicher, ich glaube es waren drei) dümpelte der
Verein nur noch vor sich hin. Das allgemeine Leben in Deutschland hatte uns
eingeholt. Die Finanzen wurden ordentlich abgerechnet und das restliche Geld
per Beschluss an UNIMA für die Amateurbewegung überwiesen. Und zum
Glück gab es einen, der mit mir diesen Verein wieder ordentlich auflöste.
Was war denn so anders?
In der ehemaligen DDR wurden die Freizeitkünstler aus gutem Grund sehr ernst
genommen und gefördert. Einerseits konnte man den Bürgern ein sinnvolles und
zufriedenes Leben bieten auch ohne dass sie in die weite Welt reisen konnten.
Andererseits konnte man diese Strukturen gut zum Überwachen nutzen. Auf alle
Fälle hatte der Staat (die SED) so viele Menschen im Blick und konnte direkt oder
indirekt ideologisch Einfluss nehmen. Das künstlerische Volksschaffen wurde als
„Einheit von gesellschaftlich-nützlicher Freizeitbeschäftigung, politisch-ideologischer
uns ästhetisch-künstlerischer Persönlichkeitsbildung“ angesehen und bezeichnet und
war gut strukturiert.
Normalerweise wussten Zirkelleiter damit umzugehen. In den Gruppen selber war
der Spaß die Hauptsache.
Menschen, die aus Liebe und Leidenschaft neben ihrem Beruf z.B. Figuren basteln,
Stücke lesen oder sich mit Märchenstoffen auseinandersetzen, waren sicher keine
Gefahr für den Staat sondern anerkannte Eigenbrödler.
In der ehemaligen DDR gab es ein Ministerium für Kultur. Für alle künstlerischen
Genres, ob Bildende oder Darstellende Kunst, für Schriftkunst, Film, Musik und sogar
Discotheken, leistete sich der kleine Staat ein Zentralhaus für Kulturarbeit. Dieses
war ein Instrument des Ministers für Kultur. Es war ansässig in Leipzig und die
oberste Behörde für die Freizeitkunst. Sogar die weniger häufig gefragten Bereiche
wie Zauberkunst, Kabarett und Puppenspiel hatten ihre Ansprechpartner.
Auf untergeordneten Ebenen gab es Entsprechungen, Bezirkshäuser und
Volkskunstkabinette
. In Berlin hieß es „Berliner Haus für Kulturarbeit“.
Die einzelnen Zirkelleiter, meist finanziert von staatlichen Betrieben, bildeten mit den
staatlichen Stellen der unteren Verwaltungsebene zusammen die KAG –
Kreisarbeitsgemeinschaften. Hier kamen alle örtlich tätigen künstlerischen Leiter
zusammen, egal welchen Genres. In der BAG – Bezirksarbeitsgemeinschaft, war die
Arbeit schon spartenweise gegliedert.
Das Zentralhaus für Kulturarbeit in Leipzig war die oberste Behörde für die
Amateurkunst. Für das Puppentheater vertrat Klaus Krähner den Staat. In die ZAG -
Zentrale-Arbeitsgemeinschaft – wurde man berufen, viele davon waren in der SED.
Der ZAG-Vorsitzenden waren Dr. Klimt, später Dr. Horst Lohr. Etwa fünfzehn
Mitglieder hatte diese ZAG. Dazu gehörten Karin Heym, Bernhard Ohnesorge,
Jürgen Popig, Christian Noack, ich und einige andere. Wir trafen sich zirka zweimal
im Jahr zu zwei- bis dreitägigen Beratungen und initiierten und organisierten mit
Klaus Krähner zusammen zentrale Volkskunstausscheide, Fachtagungen für
Amateurpuppentheater, Workshops, Werkstätten, hielt Auslandskontakte nach Polen,
Ungarn und die CSSR und beriet die Delegierungen zu den Arbeiterfestspielen. Die
ZAG-Puppentheater setzte sich auf Drängen der Mitglieder auch mit Entwicklungen
und Strömungen in der Kunst auseinander.
Im Bereich des Figurentheaters kamen die uns zugänglichen interessantesten
Anregungen aus dem Osten. Vor allem in der CSSR hatte dieses Genre einen hohen
Stellenwert. Nicht zuletzt strahlte dort die AMU - Akademie der musischen Künste -
auf das Niveau aus. Puppenspielgruppen gab es in der CSSR wohl an jeder Schule.
Für die Amateurbewegung waren die jährlich in der ersten Ferienwoche
stattfindenden Puppentheaterfestivals in Chrudim, zirka 100 km östlich von Prag,
sehr wichtig. Aufgrund der vielen und guten Gruppen organisierten die Veranstalter
es so: ein Jahr traten die besten tschechische Gruppen auf, im zweiten Jahr
böhmische Amateurpuppenspieler und alle drei Jahre war es ein internationales
Festival. Es wurden auch Preise vergeben, denn eine strenge Jury, „Rat der Götter“
genannt, begründete jede Entscheidung. Und immer wurde als krönender Abschluss
eine Aufführung des Theater DRAK gezeigt aus Hradec Kralove, Königsgräz. Es war
unter Dvorczak das wohl interessanteste Figurentheater unserer damals
erreichbaren Welt. Puppen aus Holz und Menschen spielten zusammen. Eine
eindrucksvolle wandelbare Bühne blieb mir in Erinnerung, wo jedes Brett eine Rolle
zu spielen schien.
Über die Volkkunstausscheide, wo eine fachlich und fachpädagogisch
zusammengesetzte Jury die Aufführungen auswertete und man über die Begründung
ins Gespräch kam, entwickelte sich das Amateurpuppenspiel der DDR weiter.
Man konnte sich als Gruppe einstufen lassen. Grund-, Mittel- und Oberstufe gab es.
Das war einmal wichtig für den Erfahrungsaustausch, damit man erfuhr, wo man sich
weiterentwickeln sollte. Und es war wichtig für die Auftritte. Entsprechende
Rechnungen konnte man schreiben.
Zum Zentralhaus gehörte auch die Zentrale Volkskunstschule und es wurden
Zentralhauspublikationen für Amateure wurden kostenlos oder ungeheuer preiswert
herausgegeben.
Das Zentralhaus wurde nach der Wende abgewickelt, alle Unterlagen, auch
Druckerzeugnisse, Ankäufe und Ergebnisse stehen bisher fast unbeachtet im Archiv.

Empfohlene weiterführende Internetseiten:
http://www.archiv.sachsen.de/archive/leipzig/4341_3230323938.htm
http://www.kulturation.de/ki_1_thema.php?id=113

Miriam Normann:
Kultur als politisches Werkzeug? Das Zentralhaus für Laien- und Volkskunst in Leipzig 1952 – 1962

Sigrid Schubert
Fotos aus den Jahren 1975 – 84 vom Volkskunstausscheid in Erfurt, Empfang beim Bürgermeister in Chrudim,
Arbeiterfestspiele in Rostock