1997

   


Das Figurentheater im ehemaligen Transitshop

50 m paralell zur großen belebten Puschkinallee in Berlin führt ein ruhiger Weg durch den Treptower Park. Auf diesem flanieren ältere Ehepaare oder Hundebesitzer. An einem flachen Bau aus grauem Beton ziemlich versteckt, liest man in gelber Schrift auf blauem Grund: "Theater" und "Figurentheater Grashüpfer". Dieser Bau ganz in der Nähe des Sowjetischen Ehrenmals ist ein ehemaliger DDR-Transitshop.
Nanu, ein Puppentheater, hier? Für Kinder bestimmt schön, sie können vor und nach einem Theaterbesuch rennen, toben, sich bewegen.Aber warum haben sich Künstler an dieser Stelle versteckt?
"Transitshop"? Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die, für DDR-Menschen exterritorialen Transitparkplätze entlang der Autobahn. Diese Funktion hatte auch dieses Gebäude, halb versteckt im Treptower Park.
Gebaut wurde es in die geschützte Parkanlage etwa 1982. Das Ambiente wie ein Bunker mit winzigen gesicherten Fenstern ist nicht verwunderlich, wenn man weiß, dass hier bis 1989 begehrliche Waren ("Luxusgüter vom Klassenfeind") gesichert werden mussten. Wie bei den Transitparkplätzen ging es darum von den "Westtouristen Devisen abzuschöpfen".
Damals gehörte zu jeder Stadtrundfahrt eine Besichtigung des Sowjetischen Ehrenmals. Danach wurden Besucher mit harter Währung in dieses Gebäude mit Transit-Gaststätte und Transit-Verkaufsraum geführt. Man erweiterte dafür sogar den Parkplatz (inzwischen renaturiert). DDR-Bürger durften nicht hinein und sollten die Örtlichkeit möglichst gar nicht wahrnehmen. Daraus erklärt sich der einladend aussehende Eingang, der aber sehr versteckt angeordnet ist.
Als 1990 das Gebäude von der Bürgerbewegung gestürmt wurde, fand man es voller Abhörtechnik. Danach stand das Haus leer und sollte abgerissen werden, bis das Bezirksamt ein neues Domizil für seinen Gärtnerstützpunkt suchte und es ausbauen ließ.
Um den ehemaligen Verkaufsraum war das Gebäudes zu groß, und der Bezirk wollte es an ein künstlerisches Projekt vermieten.
Das Figurentheater Grashüpfer aus dem Bezirk Friedrichshain war auf der Suche nach einem neuen Domizil. Das Kulturamt hatte den Raum gekündigt, und ein privater Vermieter machte das Arbeiten schwer. Der Hinterhof hatte zwar Charme, war aber eng und die Nähe zu den Bewohnern manchmal zu groß. Seine Gründerin, Sigrid Schubert, wurde in ihrer Funktion als Mitglied des örtlichen Treptower Kulturausschusses gebeten, den ehemaligen Verkaufsraum im oben beschriebenen Transitshop zu begutachten, in den eine bezirkseigene Galerie nicht einziehen wollte. An dieser Stelle eine Kulturstätte zu etablieren, würde nicht einfach sein, einige Stammbesucher würden mit gehen, manche würde man verlieren und neue dazu kommen. So fand das Figurentheater Grashüpfer im Frühjahr 1997 seine neue, sogar etwas größere Bleibe.
Die Verkehrslage ist eigentlich gut, hinter dem Treptower Hafen, nur 4 Minuten vom S-Bahnhof und 30 m vom großen Parkplatz fürs Ehrenmal entfernt. Seit Winter 1997 ist der S-Bahn-Ring im südlichen Teil wieder geschlossen, (der nördliche Teil dauerte bis 2003) und nun konnte man nach Schöneberg und Neukölln ohne Umsteigen durch fahren. Mit dem Auto findet man meist sehr gute Parkmöglichketen in der Puschkinallee, die Bundesstraße B96a führt um das Sowjetische Ehrenmal als Einbahnstraßen herum. Busse fahren in verschiedene Richtungen.
Wer ins Puppentheater will, sucht auch ein wenig, aber wo? So wird am Telefon sehr viel Zeit benötigt, um die Anfahrt zu erklären. Wenn man das Theaterchen gefunden hat, streckt es dem Besucher freundlich seine Arme entgegen, zwei kleine Wege führen ganz sachte bergauf zum Eingang. Und 150 m nordöstlich am Spreeufer entlang wandern die Erholungssuchenden ohne die Spielstätte wahrzunehmen..
Die Lage im Park ist das Gegenteil der friedrichshainer Kiezlage. Mit einer Überwachungsanlage müssen die Räume nun vor Vandalismus geschützt werden. Es liegt sehr einsam, fast ohne Nachbarschaft. Daher schlugen auch die Versuche fehl, einen Abendspielplan zu etablieren. Man kann nicht bummeln und zum Griechen oder Südamerikaner essen gehen. Einzelbesucher "graulen" sich vor dem Weg am Abend, ja sogar manche Künstler und einzelne Freunde müssen sich überwinden. Einzig die Lagerfeuerstimmung zu den Märchenabend zieht Besucher an. Die Familien haben das Theater angenommen, verbinden Kultur und Natur. Das Wochenende ist bei ihnen beliebt. In der Woche finden Vorstellungen für Kita- oder Schulkinder statt.
Die geringe Größe und das fehlende Nebengelass sind ganz entscheidend für das Konzept. Es gibt keine Garderoben, kein Lager, keine Werkstatt, keinen Fundus. Es gibt kein Ensemble. Es ist eine intime Spielstätte für etwa 70 Besucher, Die verschiedenen Puppentheater reisen mit ihren mobilen fertigen Inszenierungen an. Sie spielen für 70 Prozent des Eintrittsgeldes. Betriebskosten und Werbung müssen durch die restlichen 30 Prozent erwirtschaftet werden. Zuschuss oder Förderungen gibt es nicht. Ein Förderverein übernimmt die Koordination der Veranstaltungen.
Aus den ABM-Projekten heraus hat sich ein besonderes Angebot entwickelt, das Theaterbasteln. Die Kinder können nach der Vorstellung noch selbst tätig werden und Fingerpuppen oder Masken herstellen, sich verkleiden und spielen. Für manche Kinder ist dies schön genau so wichtig, wie das Theaterstück.
Und im Theaterhof, wo man zwar noch Straßenlärm hört, aber sonst geschützt sitzen kann, finden die Märchenabende an Feuer statt.